Fernkälte

Town Town

Zukunftsorientierte Technologien und nachhaltige Modelle
Auch in Österreich nimmt der Kältebedarf kontinuierlich zu. Speziell in Bürogebäuden und gewerblichen Objekten ist eine Klimatisierung heute und in Zukunft nicht mehr wegzudenken. Durch die langfristige Errichtung eines Fernkältenetzes mit optimaler Nutzung des Abwärmepotenzials geht Wien Energie neue Wege. Große Gebäudekomplexe können so mittels vorhandener Abwärme und innovativer Fernkältesysteme energieeffizient, umweltschonend und kostengünstig gekühlt werden.

Der Bedarf für Kühlenergie steigt
In Europa werden zurzeit nur etwa 50 Prozent aller Büroflächen klimatisiert. Im Gegensatz zu den USA und Japan, wo es rund 80 Prozent sind. Der Bedarf an Kühlenergie soll sich bis zum Jahr 2020 annähernd verdoppeln.
Einerseits zeichnen wachsende Komfortansprüche an das eigene Heim, Büros und Shops für diese dramatische Entwicklung verantwortlich. Andererseits wird die Erwärmung vieler Gebäude durch neue Architektur-Modelle oder den Einsatz von technischem Equipment zusätzlich forciert. So müssen beispielsweise moderne Glasfassaden bei entsprechender Sonneneinstrahlung bereits ab einer Außentemperatur von 6 °C gekühlt werden.

Wie Fernkälte funktioniert
Wien Energie verfolgt den Ansatz, Fernwärme zum Großteil mittels Absorptionskältemaschinen zur Kälteerzeugung zu nutzen. Dadurch werden Stromengpässe im Sommer vermieden und die Wärme, die durch die Abfallbehandlungsanlagen auch in den Sommermonaten vorhanden ist, wird besser genutzt. Die bestehenden Anlagen werden optimal ausgelastet, ohne zusätzlich Brennstoffe einsetzen zu müssen.

Das Prinzip der Fernkälte
Neben der Abwärme aus den bestehenden kalorischen Kraftwerken und den Abfallbehandlungsanlagen stehen zusätzliche Wärmepotenziale aus dem Wald-Biomasse-Kraftwerk in Simmering, aus der dritten Restmüllverbrennungsanlage Pfaffenau und voraussichtlich ab 2012 aus der Nutzung der Geothermiewärme im Bereich Aspern für die Fernwärmeversorgung in Wien zur Verfügung. Durch diese zusätzlichen Wärmepotenziale bestehen in den Sommermonaten während der Nachtstunden Überkapazitäten, die über Wärmespeicher für die Produktion von Fernkälte genutzt werden können.

Die Fernwärme wird als Primärenergie der so genannten Kältezentrale zugeführt, wo mittels Absorptionsprozess jene Kälte erzeugt wird, die zur Kühlung der Gebäude nötig ist. Dieses auf 6 °C abgekühlte Klimakaltwasser wird in gedämmten Rohrleitungen zu den Abnehmern transportiert und in deren Klimasystem eingespeist, wo die Fernkälte über ein Rohrsystem verteilt wird. Das von dort - nach erfolgter Kühlung - mit einer Temperatur von ca. 12°C bis 16°C zurücklaufende Wasser wird wiederum im Absorber auf 6°C abgekühlt. Dieser Vorgang erfolgt in einem geschlossenen Kreislauf. Zusätzlich ist geplant, einen Teil des jährlichen Kühlbedarfes (20 bis 25 Prozent) in den Wintermonaten über „free-cooling" vorwiegend durch Rückkühlung mittels Donauwasser bereitzustellen.

Fernkälte, die klimafreundliche Klimatisierung
Da Fernkälte bereits vorhandene Wärme als Primärenergie aus Abfallbehandlungsanlagen, Industriebetrieben oder aus der Stromproduktion nutzt, verbraucht sie wesentlich weniger Strom und verursacht gleichermaßen weitaus geringere CO2-Emissionen. Weitere Vorteile gegenüber konventionellen Klimaanlagen sind, dass Fernkälte-Anlagen weniger Lärm produzieren, in der Wartung günstiger sind und keine fluorierten Treibhausgase abgeben.
Herkömmliche Klimageräte werden mit Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) und mit schädlichen FCKW-Ersatzstoffen betrieben. Eine 2006 erlassene EU-Richtlinie schreibt daher Maßnahmen zur Emissionsminderung der fluorierten Treibhausgase vor. Gleichzeitig stellte man den Mitgliedsländern frei, auf nationaler Ebene strengere Bestimmungen zu erlassen - neben Dänemark entschloss sich auch Österreich zu diesem Schritt. Ab dem Jahr 2009 ist in Österreich somit der Einsatz von vollfluorierten Kohlenwasserstoffen (FKW) und teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (H-FKW) bei Neuanlagen verboten.
Da Wien Energie Strom nur als Hilfsenergie zur Fernkälteproduktion und nicht zum Antrieb einsetzt, können erhebliche fossile Ressourcen eingespart werden. Im Vergleich zu modernen Kompressionskältemaschinen verbrauchen Absorptionskältemaschinen lediglich ein Zehntel an fossilen Brennstoffen.
Auch in Hinblick auf das CO2-Einsparpotenzial gibt sich Fernkälte als klarer Gewinner. Gegenüber konventionellen Anlagen kann das 2,5-fache an CO2-Äquivalenten eingespart werden. Die Kältemittel von Kompressoren überschreiten das klimaschädigende Potenzial von CO2 um ein 1.000-faches. Zusätzlich entweichen die Kältemittel mit der Zeit - Faktoren, die im Gegensatz zu Fernkälte dem Erhalt eines lebenswerten Umfeldes mehr als im Wege stehen.

Aktuelle Fernkälteprojekte
Für Wien Energie ist die Realisierung einer umweltschonenden Kälteversorgung - analog zur Fernwärmeversorgung - durch die Nutzung von Abwärme von hoher Bedeutung.

Österreichweit werden derzeit die ersten Großprojekte mit Fernkälte ausgestattet, in Wien beispielsweise „TownTown" (siehe Bild) im 3. Bezirk, das auch seitens der EU finanziell unterstützt wird, das Allgemeine Krankenhaus und das Immobilienprojekt „Skyline" am Döblinger Gürtel.
Dutzende weitere Objekte, wie das Gebiet um die thermische Abfallbehandlungsanlage Spittelau, die Donauplatte sowie die UNO-City, würden sich für die innovative Technologie eignen. Fernkälte steht heute dort, wo Fernwärme Anfang der 1970er war. Angesichts ökologischer und wirtschaftlicher Vorteile ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis weitere zukunftsweisende Projekte in Angriff genommen werden.

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